was bleibt

IMG_8437„Ich will, dass was bleibt“, meinte Juergen heute morgen ganz entschieden zu mir.

„Wie kommst Du darauf?“, fragte ich.

„Wer redet heute denn noch von Hans Dieter Hüsch, Heinrich Böll oder Jörg Iimmendorf oder Christoph Schlingensief oder Peter Maschke?“, antwortete er.

Und „Hermann, der Vernetzer“, der ebenfalls anwesend war, ergänzte, dass nicht wichtig sei, was bleibe, sondern, das, was im „Hier und Jetzt“ geschehe: das Leben leben. „Zen“ eben!

Buchalov

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28 Gedanken zu „was bleibt

  1. Man redet von diesen Menschen, Jürgen. Böll und Schlingensief sind doch unvergessen.
    Aber ich finde das hier und jetzt auch besonders wichtig. Den daß unvergessene liegt in der Zukunft und wer weiss schon, was da ist.

    • Hallo Susanne!
      Ich frage mal „böse“: woher weißt Du denn, dass man von diesen Menschen redet? Ich jedenfalls höre nichts. Oder besser: ich höre nur dann was, wenn der Kunstmarkt ruft – in welcher Form auch immer.
      Ich glaube, dass die von mir beispielhaft genannten mit ihren Werken einfach so langsam im Laufe der Zeit verblassen.
      Tja, so ist das Halt. Und bisweilen werden sogar die großen Künstler im Laufe der Zeit vergessen und es bleibt nichts. Das ist eben so.
      Deshalb ist ja der Hinweis von Tobias auf „Zen“ so bedeutsam.
      LG Juergen

      • Ich glaube, dass jeder Mensch ein Stückchen zu Menschengeschichte beiträgt. Manche bleiben mit ihrem Namen im Gedächtnis manche mit den Taten und manche sind einfach ein kleines Stück vom großen ganzen. Aber für uns selber auf uns bezogen ist der Augenblick am wichtigsten. Da gebe ich Tobias recht.

      • Ich habe festgestellt Jürgen, in dem Maße wie du dich dem Kunstmarkt und seinen Problemen annährst, in dem Maße verliere ich das Interesse an den Kunstmarkt.

      • Ach, es ist keine Annäherung, sondern eher eine kritisch -distanzierte Sicht auf die Mechanismen und die daraus entstehenden Konsequenzen bei der Werkproduktion für uns. Wenn ich ehrlich bin, geht es mir so wie Dir.
        LG

      • Ich habe den Kunstmarkt im Moment sehr gründlich sogar generell aus meinem Kopf verband. Ich bin gedanklich gerade sehr philosophisch gebunden, die Texte, die wir an der Uni lesen, füllen meinen Kopf aus.
        LG

  2. Ich würde gerne den einen und anderen ketzerischen (?) Gedanken zum Gespräch beitragen, nämlich einmal, was in einer Geschichte Arno Schmidt’s auftaucht: der Künstler, lange schon verstorben, geht erst dann in die Seligkeit ein, wenn keiner mehr sich an ihn erinnern kann……Oder bei C.S. Lewis: Die Geister der Literaten irren um die Bibliotheken herum, um zu prüfen, ob ihre Werke ausgeliehen werden und finden keine Ruhe….

  3. Der Hüsch kam vorgestern in einem Kommentar vor, den ich gelesen habe, der Immendorf ist mir heute im Internet begegnet, Schlingensief vorige Woche und mit Böll werden vermutlich immer noch jede Menge Schüler traktiert. Nur der Peter Maschke, der ist mir nicht begegnet, den kenne ich nicht …. ich denke, da muss man in die 30er Jahre zurück gehen, da hat das Vergessen schon viel heftiger eingesetzt.

  4. dazu gibt es eine hübsche Erzählung von Arno Schmidt (über den übrigens auch immer mal wieder geredet wird), wo die gestorbenen Schriftsteller im Himmel erst dann zur Ruhe kommen dürfen, wenn wirklich keiner mehr über sie spricht, sie in keiner Fußnote mehr erwähnt etc. Es ist schon ein arges Drama, denn sie sehnen sich wirklich sehr nach Ruhe…

  5. Hüsch begegnete mir letzten Sonntag Abend im Radio, Immerdorff begegnet mir immer wieder in seinen Bildern; auch Schlingensief habe ich nicht vergessen. Peter Maschke ist mir nicht bekannt.

    Ich habe mir nie Gedanken gemacht, ob was bleibt oder nicht. Ist mir völlig egal. Es ist narürlich immer wieder schön, wenn ich irgendwo ältere Arbeiten treffe, seien es Bilder an irgendwelchen Wänden oder auch Arbeiten aus öffentlichen Projekten. Aber es ist kein Stolz, der mich erfüllt: Ich betrachte die Arbeiten, denke darüber nach & manchmal stellt sich ein Gefühl von Sehnsucht oder Heimweh ein. Ein schönes Gefühl, denn dann weiß ich, in diesen Arbeiten bin ich zu Hause. So verkehrt lag ich damals nicht.

    Und: Es ist schön, dass sie sind. Jetzt! In meiner Gegenwart.

    Wenn ich ab & zu in meinem Lager bin, überfällt mich beim Betrachten älterer Bilder immer mal wieder dieses Gefühl. Das ist sehr schön.

    Oft aber empfinde ich diese Unmengen von Bildern als belastend, als Last. Wohin damit, in Zukunft? Der Berg wächst weiter an. Ich könnte alles auf einen Schlag bei EBAY versteigern. Dann könnte ich jemand anders damit belasten. Nur wen? Und ich könnte von vorn anfangen. Muss ich sowieso jeden Tag. Ein guter Gedanke.

    Ich bin verheiratet & habe drei Kinder. Sollte ich dereinst mal nicht mehr sein & alle anderen wären noch da – assozial & grausam wäre es, meine Familie mit diesem Balast allein zurück zu lassen. Ich muss ein Testament schreiben. Der Nachlass muss geregelt sein. Ja, lacht nur, aber darüber sollte man nachdenken!

    Nicht zuletzt aus diesem Grund habe ich vor zwei Jahren viele temporäre Wandmalereien realisiert. Mir ist der Prozess, nämlich das, was zwischen zwei Arbeiten entsteht, wichtiger als das Ergebnis selbst. Die Ergebnisse auf Leinwand & Papier haben einen einzigen Vorteil: Ich kann sie besser verkaufen.

    Ich tue das alles für mich. Für sonst niemand. Ich empfinde es als Liuxus, arbeiten zu dürfen. Meine Arbeit erfüllt mich. Deswegen ist es egal, was bleibt. Hauptsache, ich kann weiter arbeiten. Am Ende eines Arbeitstages betrachte ich ein entstandenes Bild & es erfüllt mich durchaus mit Befriedigung, Zufriedenheit & Glück, wenn die Arbeit gelungen ist. Aber am nächsten Tag ist dieses Gefühl fast verschwunden. Die Arbeit geht weiter.

    Ist in etwa so wie bei Kochen & Essen. Wir laden Gäste ein; Tage vorher kaufen wir ein, bereiten vor & am Abend des Dinners bewundern alle unsere Arbeit. Die Vorbereitungen können durchaus mal zwei oder drei Tage dauern, je nach Anzahl der Gänge & Kompliziertheit der Gerichte. Alles sieht wunderbar aus, der Tisch ist gedeckt, die Speisen sehen aus wie Gemälde. Kurze Zeit später sind alle satt, die Schlacht ist geschlagen, der festliche Tisch wird im Laufe des Abends zusehends zum Schlachtfeld. Chaos & Unordnung beiten sich aus. Schmutziges Geschirr, umgefallene Gläser, Essensreste auf der weißen Tischdecke. Geht ruckzuck. Stört aber nicht, ist ein herrliches Gefühl. Aber was ist davon zwei Tage später übrig? Eine schöne, verblassende Erinnerung.

    Der Hunger kommt aber immer wieder & muss gestillt werden.

    • Danke Armin fuer die offenen Worte. Ich kann aus eigener Erfahrung gut nachvollziehen, was Du sagen wolltest.
      Irgendwie ist es auch eine Art von Zerissenheit, die mich über solche Dinge der Vergaenglichkeit nachdenken lässt.
      Bis bald, Liebe Grüße Juergen

  6. Nochwas fällt mir ein, es geht natürlich einerseits und das Hier und Jetzt, aber ich werde nie vergessen, wie ich vor einigen Jahren in Berlin war und mir zuerst eine Ausstellung mit Kalligraphien und Zeichnungen aus China und dann anschließend im Hamburger Bahnhof Beuys‘ „secret bloc…“ angesehen habe. Mir ging es damals nicht so gut. Aber ich konnte mir all diese Zeichnungen ansehen und habe eine Verwandtschaft gespürt – bei den Chinesen sogar über die Jahrhunderte hinweg. Und es hat mich irgendwie wieder in die Gemeinschaft der Menschen zurückgeholt. Kommunikation mit Menschen, die nicht mehr leben, die man als Individuen größenteils vergessen hat, indem man sich einfach nur ein paar Zeichnungen ansieht. Während des Studiums in Mainz haben wir uns mal im Stadtmuseum Handschriften aus der Vor-Gutenberg-Zeit angesehen: Du siehst da jede Regung im geschriebenen Text! Du guckst dem Mönchlein über die Schulter. 500 Jahre wie weggeblasen.
    Solange die Menschheit weiterlebt bleibt nicht Nichts.
    Das Wichtige ist die Begegnung zwischen einem Wahrnehmenden und einem Werk. Und das ist ein Akt im Hier und Jetzt. Aber aus diesem Akt entsteht auch etwas Weiterführendes.
    Und das braucht auch nicht zwingend eine große Öffentlichkeit. Ein Kopf genügt.

    „Kann jemand ein Dichter sein, ohne jemals ein einziges Wort geschrieben zu haben?“ (H.C.Artman?) -> Aber sicher datt!

    • Ja, es stimmt: wir sind Teil einer Kette, eines Ganzen und manchmal können wir es auch spüren. Die Frage ist ja, ob das fuer unser sein im Hier und Jetzt genügt. Dir hat es geholfen und mir bereitet diese Sicht Probleme. Wir sind zwar nicht Nichts, aber auch nicht viel mehr. Gruß Juergen

  7. Kunstwerke und Künstler mögen sie auch vergehen und vergessen sein, was bleibt, ist die Idee Kunst. Das Wesentliche, ist das nichts mehr dazwischen Sein, zwischen Werk, Künstler und Betrachter. Was ist, das hat nur Bedeutung im Kontext der Verschachtelung des Seins. Gruß, Arkis

    • Lieber Art of Arkis!
      Vielen Dank für Deinen Beitrag.
      Es tut mir Leid. Ich muss ein paar Fragen stellen, da sich mir Dein Kommentar inhaltlich nur schwer erschließt.
      Was ist denn „die Idee Kunst“?
      Was meinst Du mit „dazwischen sein“?
      Und was verbirgt sich hinter der „Verschachteln des Seins“?

      LG JUergen

      • Gerne, Jürgen. Die Kunst als Idee bezw. Archetyp im Kontext zu Plotins Ur-Ideen: „Das Wahre Gute Schöne“ Und mit nichts mehr dazwischen, bedt. nichts mehr zwischen Betrachter und Werk. Also nur allein, das Ist als eine ästhetische Wahrnehmung – Samadhi, Objekt und Subjekt sind nicht mehr getrennt. Es ist „nur“ das, was es ist: eine Wahrnehmung im Bewusstsein des Betrachters.

      • ach so, die Verschachtelung des Seins, alles existiert in Kontexten immer als ein ganzes Teil eines Ganzen. Bespiel: Buchstabe – Wort- Text-Absatz-Buch oder Molekül-Atom-Zelle-Organsismus und so weiter, das „Kleinere“ wird vom Größeren umfasst und integriert. (Stichwort Babuschka-Puppe) Liebe Grüße

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