die Kunstschublade

HipstamaticPhoto-503239974.287492.jpg

Schubladen sind ja eigentlich gut. Sie schaffen Ordnung. Wenn man will. Bevor man etwas in eine Schublade legt, muss man allerdings entscheiden, was da hineingehört. Es geht um Entscheidungen, um Kriterien, Orientierungspunkte.

Juergen meinte heute morgen, dass er gedanklich immer wieder mal über die Schublade „Kunst“ stolpere. Er wisse nie, was da hineingehöre. Es gäbe Menschen, die das mit traumwandlerischer Sicherheit sagen könnten. Die hätten offensichtlich eine Ahnung und ein  Koordinatensystem. Er nicht.

Irgendwo habe er aber auch gelesen, dass selbst die Kunstgeschichtler und Kuratoren und Kunstkritiker im höchsten Grade momentan verunsichert seien, weil sich genau dieser Begriff der „Kunst“ aufzulösen beginne, nichts mehr sicher sei, keiner mehr genau wisse, was eigentlich noch Kunst sei, da ja alles Kunst sein könne. Was für ein Satz: alles könne Kunst sein!

Er frage sich auch, ob diese Schublade überhaupt von Bedeutung sei. Für ihn selbst. Ach, eigentlich frage er gar nicht mehr, denn er wisse, dass die Frage bedeutungslos sei. Irgendjemanden diene sie sicherlich, aber nicht ihm.

Also, zum wiederholten male:

Menschen sind unterwegs.

Menschen halten fest, was sie bewegt, auch um zu begreifen – mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln und dem, was sie gut können. Der eine fotografiert, der andere zeichnet, der Dritte schreibt, der nächste redet, wieder einer führt Tagebuch, der nächste sammelt Zeitungsausschnitte, Fotoalben  ….

Menschen wollen sich mitteilen, wollen teilen, aus welchen Gründen auch immer.

Das einzelne Leben versucht eine Form zu finden, versucht das, was geschieht, was man erlebt, in eine Form zu bringen und festzuhalten. Und es findet die Form.

Und man verändert sich, weil man sich über diese Form der Dokumentation selbstvergewissert. Und man verändert zudem klammheimlich die kleine Welt um sich herum.

Das sei alles.

Und ob das jetzt Kunst sei, könne ja sein. Aber für ihn sei diese Schublade eben ohne Bedeutung. Das Begreifen der Dinge um ihn herum sei das Wichtige. Und so vieles verstehe er dennoch nicht.

Dann gebe es noch die, die mit dieser Art des Lebens ihren Unterhalt verdienen möchten. Oder müssen. Oder wollen. Und können. Da werde es schwierig, denn bei denen gehe es ohne  die Schublade „Kunst“ nicht. Oder die Schublade „Künstler“. Und es sei ja dann eine weitere Komponente im Spiel: das Geld. Und das wisse schließlich jeder:  mit dem Geld komme es zwangsläufig zu Verwerfungen.

Ich habe zugehört und bin dann gegangen.

Buchalov

 

 

Advertisements

13 Gedanken zu „die Kunstschublade

  1. Kunst ist das was den Menschen im Innersten anrührt. Lachen, Tränen, Erschütterung hervorruft. Meine Kunstschublade ist voll mit Bildern, Gedichten, Musik und und und….
    Tanz ist eine Kunst. Ballett, wie schön…

  2. Lieber Jürgen,
    grosses Thema, immer und immer wieder oder auch nicht. Nämlich dann nicht, wenn, wie du es am Ende benennst,der Mensch unabhängig vom Geld ist, dann geht es nur ums Tun. Aber eben, mit dem Geld kommt es zu Verwerfungen, auch zu Überwerfungen, zum Hader, zum Leid. Tun, weil man tun muss und will gerät dann ins Wanken.
    Ich denke oft, man muss dazu geboren sein sich auszudrücken und gleichzeitig dieses verkaufen zu können. Ich kann das nicht wirklich, andere schon, sie verstehen die Schubladen zu bedienen.
    Zurzeit erinnere ich mich, dass ich mal ganz am Anfang nur eins wollte: Freude in die Welt bringen, Poesie auch, später dann auch mal ein bisschen provozieren oder „nur“ Schmerzhaftes abbilden. Letztlich lande ich doch immer nur hier: Eindrücke ausdrücken, um nicht erdrückt zu werden, ist eine Triebfeder für mich. Dahinter steht das Gefühl zu platzen, wenn ich nicht in Worte und/oder Bilder fasse, was mich bewegt. Aber auch zu ergründen, in die Zwischenräume des oberflächlich Sichtbaren zu dringen, ich nenne das gründeln. Und natürlich freue ich mich wieder und wieder, wenn ich dann mit Meinem andere irgendwo „abhole“.

    Was mich nun noch bewegt ist, dass selbst die Kuratoren ins Wanken kommen, das lässt mich jetzt schmunzeln…
    Ach, ein abendfüllendes Thema ist das und so gar nichts nur für die Tastatur und huschhusch…
    ich sinniere mal im stillen Kämmerlein weiter und danke dir für den Anstoss, der mich sehr anspricht.
    Hab ich dir schon gesagt, dass ich es sehr geniesse, dass du mehr schreibst?Jetzt aber-

    herzliche Abendgrüsse
    Ulli

    • Ja natürlich habe ich mit diesem Thema mal wieder das alte Fass aufgemacht. Aber es beschäftigt mich halt.
      Danke für Deinen Kommentar und die persönlichen Worte. Das Wort „gründeln“ halte ich mal fest und Dein persönliches Kompliment in meine Richtung lege ich mir unters Kopfkissen – und wenn dann stimmungsmässig schlechtere Zeiten kommen, werde ich es hervorholen, Danke!
      Schönes Wochenende, Liebe Grüße Juergen

      • Ich wollte mit dem „alten Fass“ auf keinen Fall deine Gedanken, was denn nun Kunst ist und was nicht, herabwürdigen. Es ist ein Thema, was uns oder einige immer wieder umtreibt. Eine klare Definition zu finden, gerade für heute, hier und jetzt, wäre vielleicht wünschenswert? Ich weiss ja auch nie wirklich was das ist, was ich mache, meine Formel ist eben Ausdruck, andere nennen mich Künstlerin, ich hab da, wie du weisst, meine Mühen mit, immer noch-
        schön, wenn ich dir etwas für unters Kopfkissen schreiben konnte 😉
        herzlichst
        Ulli

    • ‚Die Schublade an sich‘ dient der Vereinfachung, da landet dann ‚der Flüchtling‘, der ‚gewalttätige Ehemann‘, ‚der soziale Utopist‘, und auch der Künstler – jeder stellt sich jedoch was anderes darunter vor. „Steck mich nicht gleich in eine Schublade“ heißt es, Heute in einem Radiointerview hörte ich ‚Lebenskünstler‘ eine abgedroschene, weil in die Alltagswelt mitgenommene Bezeichnung, heißt für den einen: ‚jemand, der alles geregelt bekommt‘ für den anderen: ‚Totalversager‘ für den das dann der Euphemismus ist, damit einem peinlichere Bezeichnungen erspart bleiben….
      Da könnte man jetzt länger dran bleiben. Muss man aber nicht.
      LG T.

      • Lieber Tobias, Schubladen können ja ganz sinnvoll sein, da sie Ordnung schaffen und das umgehen miteinander erleichtern – wegen der Einordnung es Anderen und den damit verbundenen Sicherheiten.
        Wer aber in den offenen Umgehensweisen miteinander den Zugewinn für sein Leben sieht, für den sind Schubladen das reine Gift.
        Gruss

  3. Wie gut, dass du in Jürgen solch einen tiefsinnigen Gesprächspartnert gefunden hast, lieber Buchalov, und wie gut, dass du ihm genau zuhörst und es hinterher unterlässt, seine Gedanken zu kommentieren und zu zerreden. ich muss von dir lernen. Wünsche einen schönen Abend! Gerda

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s